Wie Freude größer wird

Wie Freude größer wird

Hochzeiten sind freudige Ereignisse. Das höre ich oft. Und ja, es stimmt. Es ist schön, wenn zwei Menschen sich gegenseitig dem anderen versprechen. Ich freue mich sehr darüber. Und doch: Gerade an Hochzeiten fließen Tränen. Man könnte sagen, es seien Freudentränen, wenn man von dem Moment berührt ist, wenn das Paar im Mittelpunkt steht, sich ansieht oder küsst. Oder wenn erhebende Musik erklingt und den Moment würdigt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das wirklich immer Freudentränen sind. In den letzten Jahren habe ich eins sehr deutlich gelernt: Die Freude ist die Schwester der Trauer. Sie sind sich so nah, so verwandt, so ähnlich. Kürzlich brach die Mutter eines Bräutigams nach der Zeremonie sehr in Tränen aus und war zunächst untröstlich. Ich bin sicher: Natürlich freute sie sich. Aber so ein Moment ist doch nicht einfach nur freudig. Er macht auch deutlich: Mit großen Schritten ändert sich das Leben. Mein Sohn oder meine Tochter ist nicht mehr klein und hilflos. Er oder sie braucht mich nicht mehr in der Weise, wie ich es gewohnt war. Die Kindheit ist vorbei und vergangen. Und alles, das vergeht, will betrauert werden. Doch wir trauern nicht gern. Verlernt in der Gesellschaft, verlernt bei uns Individuen. Doch wer sich das Trauern verbietet, distanziert sich vom Gefühl. Wer nur mit der Freude zu tun haben will und meint, die Trauer sei eine schlechte unnütze Stiefschwester, täuscht sich, denke ich. Die beiden brauchen sich sehr und lassen sich nicht langfristig trennen. Sie gehören zusammen. Weine nur! Deine Freude wird groß sein. Mehr noch: Wer den Schmerz der Trauer beweint und durch ihn hindurch geht, lernt sich neu zu freuen – größer und reicher als zuvor. Ich glaube, es ist wie ein kleines Geheimnis: Jeder Moment ist einzigartig, er ist da und das können wir bejahen und darin verbirgt sich die Freude über diesen Moment. Und gleichzeitig ist er – weil er da ist – vergänglich und führt uns unsere eigene Vergänglichkeit vor Augen. Darin liegt die Traurigkeit verborgen. Der einzelne Moment ist Heil und Unheil in einem. Ich bin sicher: Wer die Trauer liebt, dem wird auch die Freude zugetan sein. Dessen Leben geht tiefer in die Gefühle hinein. Die Freude über den einzelnen Augenblick wird größer, das Leben erhält mehr Sinn, Tiefe und Rückgebundenheit. Auch wenn es paradox klingt: Wer trauert, wird glücklicher. Nicht wer traurig ist, wird glücklicher. Aber wer den Schmerz zulässt, ausdrückt, die Wunden versorgt oder versorgen lässt, kann heilen. Die Freude eines heilen Menschen ist vollkommen. Übrigens liegt das auch in der biblischen Botschaft verborgen: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten (Lutherübersetzung 2017, Psalm 126,5). Glücklich sind, die über diese Welt trauern, denn sie werden Trost finden (Hoffnung für alle, Matthäus 5,4).

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