Fisch oder Fromm? – Ein Appetithappen über die Liebe

Fisch oder Fromm? – Ein Appetithappen über die Liebe

Wenn ich mit Paaren spreche, fällt oft ein großes, schwergewichtiges Wort: Liebe. Schon vor ein paar Jahren habe ich mich gefragt, was das eigentlich bedeuten soll. Was ist es, das den Namen „Liebe“ wirklich verdient? Und dann habe ich mich in die Liebestheorie begeben und „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm (Schriftsteller & Psychoanalytiker, 20. Jahrhundert) gelesen. Er unterscheidet Liebe klar von einem flüchtigen Gefühl, das frisch Verliebte manchmal mit Liebe verwechseln. Vor kurzem wurde ich wieder auf diese Unterscheidung aufmerksam, als ich mir ein Video ansah, in dem Rabbi Twerski über Liebe referiert. Anhand einer jüdischen Erzählung über einen jungen Mann, der Fisch liebt, macht er auf den Unterschied der Liebesbegriffe aufmerksam. Vielleicht ist das ein Anlass, den eigenen Liebesbegriff zu überprüfen. Denn vieles, das heute Liebe genannt wird, ist Fischliebe. Hier das Video:

In der Erzählung heißt es, dass der Mann nicht den Fisch, sondern nur sich selbst liebt. Solche Liebe ist wörtlich „selfish“, egoistisch. Natürlich gibt es solche liebestheoretischen Überlegungen nicht nur im Judentum. Kritik an der Fischliebe ließe sich genauso im Christentum und anderen Religionen zeigen. Aber ich fand: „Fischliebe“ bringt den Gedanken so schön auf den Punkt und eröffnet dem Denken den Weg zum Gegenbegriff der selbstlosen oder zweckfreien Liebe, wie sie auch Erich Fromm in seinem Buch beschreibt.

Für Fromm – der übrigens zeitweise Rabbiner werden wollte – stellt die Tätigkeit des Liebens eine Kunst, eine Fähigkeit dar. Er erinnert uns damit an etwas, das wir vielleicht manchmal gern vergessen oder verdrängen. Nämlich, dass die Liebe in uns immer schon vorhanden ist als eine Gabe, die sich entwickeln lässt. Zu lieben, sagt Fromm, diese schwierige Kunst, diese Fähigkeit, kann man erlernen. Wer Lieben lernen will, muss genauso vorgehen, wie zum Beispiel zum Erlernen eines Musikinstruments. Es braucht nach Fromm dazu drei Dinge: Theorie, Praxis und Wille.

Zur Theorie: Obwohl Menschen zusammen sind, können sie trotzdem zutiefst einsam sein. Das kann auch Paare oder Eheleute betreffen, die vielleicht schon Jahre verheiratet sind. Einsamkeit ist ein Zustand, der im Grunde jeden Menschen betreffen kann. Jeder Mensch lebt als eigenständige Person in seiner eigenen Gedanken- und Gefühlswelt. Aber die Liebe kann dafür sorgen, dass Paare nicht zu zweit einsam sind und innerlich getrennt voneinander leben. Die Liebe strebt aufeinander zu, sodass zwei eine neue Einheit bilden. Und diese Liebe – so Fromm – lässt sich entwickeln und fördern.

In der Praxis heißt das: Liebe ist Geben! Nicht: sich aufgeben. Sondern Geben heißt seinen inneren Reichtum, sein Vermögen, seine Stärke, sein Potenzial, seine Gaben, seine eigene Lebenskraft für andere zum Ausdruck zu bringen – in der Paarbeziehung für die Partnerin bzw. den Partner. Wer das tut, fühlt sich selbst lebendig und steigert gleichzeitig die Lebendigkeit im anderen. Geben ist ein Ausdruck des Vermögens. Dessen, was jeder Mensch vermag. Deshalb sagt Fromm sagt: „Reich ist nicht der, der viel hat, sondern der, der viel gibt.“ Solch ein Mensch hat viel Vermögen.

Um Lieben zu lernen, braucht es nach Fromm noch ein Drittes: Willen. Deshalb sprechen mich Paare an. Sie wollen ihre freie Entscheidung, sich zu lieben, vor Familien und Freunden öffentlich bekennen und sagen: „Ja, ich will.“ Dieser Liebe geht es (hoffentlich) nicht um das Befriedigen der eigenen körperlichen, emotionalen und geistigen Bedürfnisse. Sonst wäre sie Fischliebe. Jedes Paar hat somit selbst die Wahl: Fisch oder Fromm?

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